Branche
on
Zur Dunkelziffer von SARS-CoV-2 Infektionen

Mit einer Stichprobe in der Größenordnung von 1 Prozent der Bevölkerung lässt sich mit engmaschigem Testen das Infektionsgeschehen gut abbilden. © Eblis / iStock / Getty Images Plus

| | |

ELISA-Studie: Zur Dunkelziffer von SARS-CoV-2 Infektionen

Im März 2020 startete ein Forschungsteam die ELISA-Studie und untersuchte insgesamt mehr als 3000 Lübeckerinnen und Lübecker über ein Jahr lang auf das Auftreten von SARS-Co-V-2 Infektionen. Aufgrund der Ergebnisse hält die Forschungsgruppe Lockerungen bei niedrigen Fallzahlen für vertretbar, fordert aber schnelle und konsequente Maßnahmen bei einem Anstieg der Fallzahlen. Ein Ausgangspunkt der ELISA-Studie (Lübecker Längsschnittuntersuchung zu Infektionen mit SARS-CoV-2) war die Frage nach der Dunkelziffer von SARS-CoV-2 Infektionen. Weiter wollten die Forscherinnen und Forscher untersuchen, wie sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet, wann und wo Neuinfektionen auftreten.

Zur Beantwortung dieser und weiterer Fragen wurde in der ELISA-Studie eine feste Bevölkerungsgruppe (Kohorte) aus Lübeck und Umgebung über ein Jahr regelmäßig untersucht und befragt. Über 3000 Personen nahmen mittels einer mobilen Studien-App teil. Über ein Jahr wurden knapp 100 000 Fragebögen erhoben und fast 20 000 PCR- und Antikörpertests durchgeführt. Die Studienorganisation einschließlich der Terminvergabe und die personalisierte Rückmeldung von Befunden erfolgten rein elektronisch. Beantworten wollten die Forschenden aus den Bereichen Epidemiologie, Infektiologie und Neurologie zudem die Frage, ob sich die Pandemieentwicklung an einer Stichprobe von ca. 1 Prozent der lokalen Bevölkerung zuverlässig beschreiben ließe.

Außerdem im Fokus der Forschungsgruppe: Wie hoch sind die Infektionsraten in definierten Risikogruppen mit vielen Kontakten (z. B. Kranken- und Altenpflege) und welchen Einfluss haben die Lockerungsmaßnahmen (z. B. Schulöffnungen, Gastronomie, Tourismus etc.) auf das Infektionsgeschehen? Besonderes Augenmerk wurde auf die Entwicklung der Antikörper-Spiegel im Blut über die Zeit gelegt: bleibt eine erworbene Immunität auch erhalten?

Schleswig-Holstein zählt auch aktuell in Deutschland zu den Niedrigprävalenzgebieten für Corona-Infektionen. Der Großraum Lübeck gehört mit seinen ca. 300 000 Einwohnern zur Metropolregion Hamburg. Viele Menschen pendeln zwischen Lübeck und Hamburg und normalerweise besuchen ca. 50 000 Touristen pro Tag die Hansestadt Lübeck. Daher eignet sich die Region ideal als Modellregion, besonders um die Dynamik des Infektionsgeschehens zu verfolgen.

Ergebnisse der Langzeitstudie der Universität zu Lübeck

• Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer blieben über das gesamte Jahr mit Teilnahmeraten von 75 – 98 Prozent weit überdurchschnittlich engagiert und erlauben somit valide Aussagen zum Infektionsgeschehen

• 3,5 Prozent der Getesteten wurden dabei an den insgesamt 7 Testzeitpunkten als entweder Virus-PCR- oder Antikörper-positiv identifiziert.

• Die Dunkelziffer lag zu Studienbeginn im Mai 2020 bei ca. 90 Prozent. D.h. dass nur 10 Prozent der mutmaßlichen, durch Antikörpertest bestätigten Infektionen auch durch einen PCR-Test entdeckt wurden und somit in die offizielle Statistik eingingen. Knapp ein Jahr später ist die Dunkelziffer auf 30 Prozent gesunken, d.h. 7 von 10 Infektionen wurden auch durch einen PCR-Test bekannt.

• Antikörperspiegel blieben relativ konstant über die Zeit. Bei den Personen, die im Mai 2020 positive Antikörper aufwiesen, waren diese knapp ein Jahr später bei etwa 70 Prozent noch nachweisbar.

• Mit ca. 1 Prozent der Bevölkerung konnte das Pandemiegeschehen in der Region Lübeck zwar gut abgebildet werden, aber ansteigende Infektionen bei den im Herbst 2020 zwei Monate auseinanderliegenden Testzeitpunkten konnten nur verzögert entdeckt werden.

• Das höchste Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, bestand bei Personen, die Kontakt mit an Covid-19 Erkrankten angegeben hatten. Es war jedoch auch in bestimmten Berufsgruppen, wie z. B. bei Pflegepersonal, Polizisten und Feuerwehrleuten erhöht. Darüber hinaus konnten keine klaren Risikofaktoren oder Risikomuster als Infektions-quellen identifiziert werden.

Schlussfolgerungen aus der ELISA-Studie

• Mit einer Stichprobe in der Größenordnung von 1 Prozent der Bevölkerung lässt sich mit engmaschigem Testen das Infektionsgeschehen gut abbilden und zur Bewertung ggf. zur Vorhersage des Pandemiegeschehens in einer Region nutzen.

• Die Prävalenz von 3,5 Prozent an durchlebten Infektionen zeigt, dass man auch nach einem Jahr Pandemie weit von einer Herdenimmunität entfernt ist. Die Bevölkerung ist weiterhin vulnerabel für das Corona-Virus, was die Bedeutung von Impfung und Aufrechterhaltung von AHA_L Regeln betont.

• Die Dunkelziffer war zu Beginn der Pandemie hoch. Die wahre Infektionslast dürfte hier bis zu 10mal höher gewesen sein, als offizielle Fallzahlen dies vermuten lassen. Heute wird die Mehrzahl der Infektionen über die vermehrten Testungen häufiger entdeckt, die Dunkelziffer ist stark gesunken.

• Die Studie zeigt, dass in Regionen mit niedriger Inzidenz Öffnungsschritte unter kontinuierlicher Beobachtung vertretbar sind. So zeigte sich in den Untersuchungen der ELISA-Studie kein Anstieg der Fallzahlen ab Mai 2020 – trotz weitreichender Öffnungs-schritten im gesellschaftlichen Leben sowie eines zu den Vorjahren vergleichbaren Ferientourismus in der Lübecker Bucht.

Die ELISA-Studie wird gefördert durch das Nationale Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin (B-FAST), das Land Schleswig-Holstein, Stiftungen und Vereine und durch die Lübecker Bevölkerung (Crowd funding).

Quelle: Universität zu Lübeck


Hier geht´s zur ELISA-Studie


Bleibe informiert: Jetzt Newsletter abonnieren »

Newsletter abonnieren

Newsletter Icon MTA Blau 250x250px

Erhalten Sie die wichtigsten MT-News und Top-Jobs bequem und kostenlos per E-Mail.

Mehr zum Thema

Nahaufnahme auf einem kleinen Jungen in einer medizinischen Maske auf einem Sofa mit einem Teddybären.
Computeranimierte, stark vergrößerte Darstellung von Viren.

Das könnte Sie auch interessieren

MTL am Mikroskop
Bakterielle Biofilmmatrix bildet dichte extrazelluläre polymere Netzwerke mit bakteriellen Kolonien, filamentösen Strukturen und eingebetteten zellulären Clustern auf der biologischen Oberfläche.
Computeranimierte Darstellung eines Teils der DNA und der Gene.