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Abbildung von Bakteriophagen.

Zwei Phagen-Projekte beschäftigen sich mit Bakteriophagen, welche Bakterien infizieren und diese zum Platzen bringen. © Design Cells / iStock / Getty Images Plus

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Bakterienfresser: Das Potenzial von Bakteriophagen in der Medizin – Teil 2

In Zeiten zunehmender Antibiotikaresistenzen sowie zunehmender Lieferengpässe bedarf es anderer Therapien gegen bakterielle Erkrankungen. Eine Möglichkeit könnte die alternative Therapie mit Bakteriophagen sein.

Im osteuropäischen Raum stellen Phagen-Therapien seit Jahrzehnten eine Alternative im Kampf gegen bakterielle Erkrankungen dar. Diese sind im EU-Raum noch nicht zugelassen. Dies soll sich künftig ändern. Daher haben sich vier deutsche Institutionen zusammengetan, um Phagen als Arzneimittel anerkennen zu lassen.

Dies sind das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH in Braunschweig, die Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie die Charité Research Organisation GmbH und das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM) in Hannover.

Im Projekt „Phage4Cure“ verfolgen sie seit 2017 das Ziel, dass Bakteriophagen als Arzneimittel zugelassen werden. Dies wäre eine alternative Therapie bei zunehmenden Antibiotikaresistenzen und auch eine gute Aussicht, wenn es vermehrt Lieferengpässe bei Antibiotika gibt.

Phagen-Therapie gegen Bakterien

2022 berichtete die Deutsche Apotheker Zeitung (DAZ) über zwei Phagen-Projekte, die kurz davor stehen, um erstmals Patienten damit zu behandeln. Bakteriophagen, welche Bakterien infizieren und durch die Masse an neu produzierten Phagen die Bakterienzelle zum Platzen bringen, könnten in kurzer Zeit ganze Bakterienherde zum Verschwinden bringen. So die Idee hinter den Projekten.

Im Spätsommer begann die klinische Phase-I-Studie, in der die Patienten Phagen gegen den Krankenhauskeim Pseudomonas aeruginosa inhalieren sollten. In der Phase-I-Studie geht es erstmal darum, wie die Patienten grundsätzlich eine solche Behandlung vertragen. Es wäre ein echter Meilenstein für die Phagen-Therapie in Deutschland, so Christine Rhode vom Leibnitz-Institut DSMZ (Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH) in Braunschweig.

Ein weiteres Projekt läuft am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF). Im Projekt EVREA-Phagen geht es darum, insbesondere Patienten mit Immunsuppression bei einem bakteriellen Befall mit Enterococcus faecium mit Phagen zu therapieren, weil hier ein kritischer Anstieg von Resistenzen gegen den Wirkstoff Vancomycin verzeichnet wird. Immunsupprimierte Patienten, speziell Patienten in der Krebstherapie, weisen eine überdurchschnittliche Darmbesiedlung mit diesem Erreger auf.

Herausforderungen der Phagen-Therapie

Die Herausforderung bei diesem Therapieansatz ist die Spezifität der einzelnen Phagen. Bakteriophagen befallen häufig nur eine Bakterienart oder sogar nur einen bestimmten Bakterienstamm. Da jeder Mensch eine andere Bakterienbesiedlung und -zusammensetzung in seinem Mikrobiom hat und sich auch die Erreger in ihrem Stamm unterscheiden können, reicht nicht die allgemeine Anwendung von Phagen, sondern es braucht für jeden Patienten spezifische Phagen.

Spielt dann bei einer kritischen Infektion noch mehr als ein Stamm eine Rolle, dann muss genau hingeschaut werden, so Holger Ziehr, Leiter der Pharmazeutischen Biotechnologie am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM). Auf der anderen Seite sieht er in der Spezifikation auch einen großen Vorteil der Phagen-Therapie. Die Phagen greifen nur ihre Wirtszellen an und haben keine Wirkung auf alle anderen Bakterienzellen im menschlichen Körper. Diese gezielten Attacken vermeiden in der Therapie zerstörte Darmmikrobiome sowie den damit einhergehenden Durchfall.

Um Phagen in der Therapie einzusetzen, bedarf es dann aber eben erst dem Zwischenschritt, die pathogenen Bakterien der Patienten zu kultivieren, um die Therapie auf seine Bakterienstämme abzustimmen.

Bisher sind die genannten Projekte noch in Phase I. Ob sich diese sehr vielfältige Therapie jemals etablieren wird, ist aktuell noch fraglich. Alle Experten gehen derzeit davon aus, dass eine Phagen-Therapie den Einsatz von Antibiotika nicht ersetzen werden. Aber sie könnte eine sinnvolle Ergänzung sein.

Heike Lachnit


Quellen:

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