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Migräne mit Aura

Frauen sind besonders oft betroffen: Bei Migräne handelt es sich um eine komplexe genetische Erkrankung. © cyano66 / iStock / Thinkstock

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Neurologische Erkrankungen: Migräne mit Aura

Bis zu 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an Migräne, einer neurologischen Ausfallserscheinung mit und ohne Kopfschmerzen. Bei einer Migräne mit Aura treten einseitige Seh- und Gefühlsstörungen auf und es besteht sogar ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Hier erfahren Sie mehr über diese besondere Migräneform.

© privatNeurologe Dr. Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein © privat

Bei Migränekopfschmerzen handelt es sich um starke, meist einseitig auftretende Schmerzen, von denen Frauen dreimal so häufig betroffen sind wie Männer. Lichtscheu und Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen können ebenso auftreten wie Erbrechen und Übelkeit. Auch neurologische Ausfälle, genannt Aura, sind bei speziellen Migräneformen möglich.

„Etwa 15 Prozent aller Migränepatienten berichten über Auren. Die Aura kann das visuelle System, die Wahrnehmung von Reizen auf der Haut (sensible Aura, Anm. d. Red.), die Sprache (aphasische Aura, Anm. d. Red.) und die Motorik betreffen.

Ausgelöst wird die Aura durch eine über die Hirnoberfläche wandernde Erregungswelle, die die Funktion der Nervenzellen stört“, so der Neurologe Dr. Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein.

Eine animierte Grafik der „Migraine Aura Foundation“ zeigt anschaulich, wie sich die Erregungswelle über die Faltungen (Gyrierung) der Großhirnrinde bewegt sowie den damit zusammenhängenden Defekt im Gesichtsfeld.

Neurologische Ausfallerscheinungen

© Tharakorn / iStock / ThinkstockNeurologische Ausfallerscheinungen der Mirgäne mit Aura sind etwa Kribbelempfindungen in den Armen, Beinen und im Gesicht. © Tharakorn / iStock / Thinkstock

Visuelle Störungen wie Gesichtsfeldausfälle (Skotome), die als sogenannte Fortifikationen bezeichnet werden, äußern sich im Verlust des räumlichen Sehens sowie in Unschärfe bis hin zu einem halbseitigen Sehverlust. Sensibilitätsstörungen, wie der Verlust der Berührungsempfindung oder Kribbelempfindungen in den Armen, Beinen und im Gesicht („Wandern“ der Störung), Gleichgewichtsstörungen, Sprachstörungen oder andere neurologische Ausfälle können ebenfalls auftreten. Die Symptome können auch ineinander übergehen.

Das dynamische Auftreten der Symptome ist neben dem langsamen Einsetzen und Abklingen das Unterscheidungskriterium zu anderen neurologischen Erkrankungen, insbesondere gegenüber dem Schlaganfall. Migränepatienten mit Aura haben ein leicht erhöhtes Schlaganfallrisiko, insbesondere wenn weitere Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und Pille bestehen. Bleibende Schäden des Hirngewebes hinterlässt die Aura hingegen nicht.

„In aller Regel tritt die Aura vor dem Migränekopfschmerz auf und dauert zwischen 15 und 60 Minuten an“, erklärt Dr. Gaul. „Eine Akutbehandlung einer Aura ist nicht möglich. Durch vorbeugende Maßnahmen, die die Migränehäufigkeit senken, lässt sich auch die Aura reduzieren. Vorbeugende Medikamente haben bei der Migräne auch Einfluss auf die Aura, wobei einige von ihnen besonders gut wirken.“ Ein Sonderfall ist die isolierte Aura. Hierbei kommt es zu sogenannten „Auraphasen“, ohne dass nachfolgende Kopfschmerzen auftreten. Dies wird häufig bei älteren Migräne-Patienten beobachtet.

Typisch für die Aura ist, dass die Symptome langsam entstehen: Zum Beispiel kann sich ein Flimmern in einer Ecke des Gesichtsfeldes dann über mehrere Minuten ausbreiten. Ein Schlaganfall muss hier gegebenenfalls differentialdiagnostisch abgeklärt werden. Im Einzelfall kann es notwendig sein, zusätzliche Untersuchungen wie eine Kernspintomographie – wenn vorhanden in einer stroke-unit – durchzuführen, um die Symptomatik klar unterscheiden zu können. Bei einer typischen Schilderung einer Migräneaura seien spezielle Untersuchungen jedoch nicht notwendig, so Dr. Gaul.

Hilfreich beim Auftreten von Migräne mit Aura ist allgemein Ruhen in einem abgedunkelten Raum und Schlaf.

Migräne und Gefäße

„Früher ging man davon aus, dass Entzündungsvorgänge an den Hirngefäßen und Veränderungen der Gefäßweite eine wesentliche Rolle in der Pathophysiologie der Migräne darstellen“, sagt Dr. Gaul. „In den letzten Jahren hat man zunehmend die entscheidende Rolle von schmerzauslösenden Neurotransmittern – der Wichtigste ist CGRP – erkannt. Diese Botenstoffe werden im Kerngebiet der Drillingsnerven (N. trigeminus, Anm. d. Red.) im Gehirn und an seinen Endungen an der Hirnhaut und den Gefäßen ausgeschüttet. Die Botenstoffe verändern auch die Gefäße und rufen entzündungsähnliche Reaktionen hervor, die Gefäßprozesse werden aber nicht mehr als ursächlich für die Migräne angesehen.“

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Genetische Disposition

„Etwa zwei Drittel der Migränepatienten haben weitere betroffene Familienmitglieder, wobei die Genetik bei der Migräne mit Aura eine größere Rolle zu spielen scheint als bei der Migräne ohne Aura“, so Gaul weiter. Insgesamt handele es sich bei der Migräne um eine komplexe genetische Erkrankung. „Es gibt Gene, die bei Migräne etwas gehäufter auftreten, was eine leicht erhöhte Bereitschaft mit sich bringt, mit Migräne auf Stressoren zu reagieren.“

Bei der Migräne mit Aura gäbe es ganz spezielle Sonderformen wie die familiäre hemiplegische Migräne, bei der wir tatsächlich eindeutige Gene kennen, bei denen genetische und klinische Subtypen klassifiziert würden. Diese seien, so Gaul, aber sehr selten. Bei diesen Patienten hätten mehrere Familienmitglieder im Zusammenhang mit der Migräne Attacken einer halbseitigen Lähmung wie bei einem Schlaganfall, die sich vollständig wieder zurückbilde. Diese Patienten würden sich aber deutlich von den normalen Migränepatienten unterscheiden.

Ein Migräneanfall dauert vier bis 72 Stunden, Kinder können allerdings auch Anfälle von nur zwei Stunden erleben. Dauert ein Anfall länger als 72 Stunden (Status migränosus), gilt er als neurologischer Notfall.

Migräne im Verlauf des Lebens

„Die meisten Anfälle haben die Patienten in Zeiten der höchsten privaten und beruflichen Belastung, also zwischen dem 20. und dem 45. Lebensjahr. Danach wird die Migräne langsam weniger und kann sogar ganz verschwinden“, so der Migränespezialist. Eine individuelle Prognose könne man jedoch nicht erstellen. In den Wechseljahren nimmt die Migräne bei Frauen häufig nochmal zu und wird erst danach deutlich besser. Eine Migräne mit Aura (besonders auch Auren ohne Kopfschmerzen), kann im Alter zunehmen.

Ernährung

© moodboard / moodboard / ThinkstockVorsymptome der Mirgräne: Heißhungerattacken auf Süßes. © moodboard / moodboard / Thinkstock

„Es gibt Trigger wie Rotwein, Schlafmangel, Auslassen von Mahlzeiten oder Fasten, die sogenannte Vorsymptome der Migräne darstellen. Darunter zählen unter anderem Heißhunger, Gähnen und gereizte Stimmung – sie bilden den Anfang des Migräneanfalls. Bei Heißhungerattacken essen die Patienten zum Beispiel eine ganze Tafel Schokolade und meinen dann, Schokolade verursache Migräne.

Dem ist aber meist nicht so“, so Dr. Gaul. Vielmehr sei es genau umgekehrt. Aufgrund der Migräne komme es zu Heißhunger auf Schokolade.

Einige pflanzliche Präparate (Phytotherapeutika wie Mutterkraut, Pestwurz), aber auch ein homöopathisches Komplex-Medikament sind bezüglich ihrer kopfschmerzprophylaktischen Wirkung in Studien untersucht worden und konnten ihre Wirkung belegen. Magnesium, Coenzym Q10 und Vitamin B2 (Riboflavin) spielen eine Rolle in der Energiebereitstellung der Zelle (mitochondrialer Stoffwechsel). Auch für diese Substanzen konnte die migräneprophylaktische Wirkung in Studien gezeigt werden. Sie sind in unterschiedlichen Kombinationen in Nahrungsergänzungsmitteln enthalten, die der behandelnde Arzt individuell empfehlen kann.


10 Tipps zur effektiven Vorbeugung

1. Beobachten Sie sich selbst. Finden Sie heraus, was Ihnen gut tut und was Ihnen schadet.

2. Vermeiden Sie die Auslösefaktoren für Ihre Schmerzattacken. Achten Sie auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung.

3. Erlernen Sie Methoden der Stressbewältigung. Besonders eignen sich Seminare mit anderen Betroffenen.

4. Machen Sie Entspannungsübungen. Hier bieten sich viele Praktiken wie zum Beispiel Progressive Muskeltiefenentspannung nach Jacobson, Biofeedback, Autogenes Training, fernöstliche Praktiken wie Qi-Gong und Meditation an. Finden Sie die Entspannungsübung, die Ihnen am meisten zusagt.

5. Führen Sie soweit wie möglich ein selbstbestimmtes Leben, in dem Sie sich selbst realistische und machbare Ziele setzen.

6. Bewegen Sie sich regelmäßig. Ideal sind moderate Ausdauerbewegung wie Spaziergänge, Walken, Joggen oder Schwimmen.

7. Gönnen Sie sich etwas Gutes wie einen Theater-, Konzert-, Kinobesuch oder lassen Sie sich mit einem Wellness-Tag verwöhnen. Auch ein ausgiebiger Plausch mit der besten Freundin kann Ihnen Freude machen. Stellen Sie mit regelmäßigen „Wohlfühl"-Aktionen Ihr Wohlbefinden in den Mittelpunkt.

8. Gehen Sie zu einem Kopfschmerz-Spezialisten und versuchen Sie es mit einer medikamentösen Prophylaxe.

9. Finden Sie die richtige Einstellung zu Ihrer Migräne. Beherrschen Sie Ihre Migräne, damit Ihre Migräne nicht mehr länger Sie beherrscht.

10. Lernen Sie „Nein" zu sagen!


Weitere Informationen

Lesenswert: Patientenratgeber „Kopfschmerzen und Migräne“ von Charly Gaul, Andreas Totzek, Anja Nicpon und Hans-Christoph Diener

Die Klinik: Die spezialisierte Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein bietet ein multimodales Therapieprogramm, das individuell auf die jeweiligen Patienten zugeschnitten ist, und basierend auf dem Bio-Psycho-Sozialen Schmerzmodell basiert. Neben individueller Auswahl einer optimalen Attackenmedikation und medikamentöser Prophylaxe, werden auch nichtmedikamentöse Prophylaxe und Psychotherapie, Naturheilkunde und andere alternative Therapieverfahren angeboten. Außerdem bietet die Klinik eine Anleitung zu gesunder Lebensweise und Ernährung.

Eva-Maria Koch

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