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Frau spielt Videospiele am Computer.

Die WHOnspricht nicht von einer Sucht, sondern von einer Gaming Disorder, also einer Störung. © Kerkez / iStock / Getty Images Plus

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Internetsucht: Ab wann ist das Verhalten krankhaft?

Internetsucht, offiziell als krankhafte Internetabhängigkeit oder Internetnutzungsstörung bezeichnet, ist ein Zustand, bei dem Betroffene die Selbstkontrolle über die Zeit der eigenen Internetnutzung verlieren. Die Folgen können gravierend sein für die Gesundheit und Psyche.

Im Vordergrund des krankhaften Internetverhaltens stehen vor allem die übersteigerte Nutzung von Onlinespielen, der sozialen Netzwerke und von Seiten mit sexuellen Inhalten.

Nicht die Technologie macht abhängig, sondern das eigene Verhalten

Das Internet ist heute allgegenwärtig. Es zählt zu einem sehr wesentlichen Teil unseres privaten und beruflichen Alltags. Mit einem Klick gibt es die passende Bahnverbindung, das aktuelle Wetter oder wichtige News. Die Lieblingsmusik hören, eine Reise buchen, eine Serie schauen, die große Liebe in einem Dating-Portal finden oder gegen einen virtuellen Drachen kämpfen – all das ist im Online-Zeitalter populär.

Zudem bietet das Netz hervorragende Möglichkeiten, sich weltweit mit Menschen auszutauschen. Das Internet an sich geht nicht mit einem Suchtverhalten einher oder provoziert es. Es sind nur einige Menschen, die mit dem Internet nicht funktional umgehen, wogegen die meisten es kontrolliert nutzen. Nicht die Technologie macht abhängig, sondern immer das individuelle Verhalten der Nutzerin oder des Nutzers.

Wie häufig ist Internetabhängigkeit?

Repräsentative Stichproben der Allgemeinbevölkerung zeigen, dass in Deutschland etwa ein bis zwei Prozent (das sind etwa 800 000 bis 1,6 Millionen Menschen) ein suchtartiges Nutzungsverhalten im Internet haben.1 Ein riskanter oder schädlicher Gebrauch wird sogar dreifach häufiger geschätzt. Insbesondere bei Jugendlichen liegt die geschätzte Quote mit bis zu fünf Prozent deutlich höher.1 Weitere circa fünf Prozent zeigen einen auffälligen Konsum digitaler Inhalte.2

Ab wann spricht man von Online-Sucht?

Ab welchem Punkt läuft das Internetverhalten aus dem Ruder? Ab wann besteht eine krankhafte Internetabhängigkeit beziehungsweise Internetnutzungsstörung? Wie lässt sich eine krankhafte Internetabhängigkeit diagnostizieren? Ist die sogenannte „Internetsucht“ eine eigenständige Erkrankung? Oder basiert das pathologische Verhalten eher auf einer anderen psychischen zwanghaften Grunderkrankung? Bei diesen schwierigen Fragen ist die Forschung noch uneins. Manche Kritiker warnen sogar vor Stigmatisierung und unnötiger Panikmache.3

Forschung zur Internetabhängigkeit orientiert sich am suchtartigen Verhalten bei Computerspielen

Jedes Übermaß an Digitalem kann zu psychischen und gesundheitlichen Problemen führen. Die sogenannte „Gaming Disorder“ gibt es bereits als Diagnose. Das exzessive Computerspielen wurde 2016 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als anerkannte psychische Erkrankung mit einem Diagnoseschlüssel aufgenommen, kodiert und nochmals ergänzt (ICD-11).

Jedoch spricht die WHO nicht von einer Sucht, sondern vielmehr von einer Störung (Disorder).4 Das Störungsbild wird als ein dauerhaft anhaltendes oder periodisch wiederkehrendes Nutzungsverhalten von Online- oder Offline-Computerspielen definiert. Andere Formen der Internetznutzungsstörungen neben der suchtartigen Nutzung von Computerspielen haben aber keinen Eingang in diese internationale Diagnose gefunden.2

Daher übertragen die meisten Forschenden und Fachleute aus der Psychologie und Psychiatrie ihre Erkenntnisse zur Internet-Spielsucht auf andere Formen von übersteigerten Online-Anwendungen, weil immer das gemeinsame Merkmal der Kontrollverlust ist.5

Internetbezogene Störungen

Die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) hat ein Memorandum „Internetbezogene Störungen“ herausgegeben. Als internetbezogene Störungen werden suchtartige Entgleisungen der Nutzung des Internets bezeichnet, die zu den sogenannten Verhaltenssüchten gezählt werden.

Betroffene Menschen entwickeln eine Abhängigkeit von bestimmten Internetanwendungen. Die Autoren sehen es auf Basis der Forschung und ihrer Erkenntnisse als derzeit gerechtfertigt an, diese Störung – zumindest vorläufig – im Bereich der Suchterkrankungen einzuordnen.

„Merkmale, die häufig in Beschreibungen der Internetabhängigkeit genannt werden, sind starkes Eingenommensein, Toleranzentwicklung [Gewöhnung + Steigerung], Entzugserscheinungen, Kontrollverlust, Fortsetzen der Aktivitäten trotz negativer Konsequenzen, Täuschen von Familienmitgliedern, Therapeuten oder anderen Personen in Bezug auf das wirkliche Ausmaß des Online-Spielens oder Nutzung der Aktivitäten, um negativen Stimmungen entgegenzuwirken“,6 lautet die Definition im Memorandum der DG-Sucht.

Am 07.08.2023 erscheint Teil 2 des Artikels.

Beatrix Polgar-Stüwe


Quellen:
1 Internetbezogene Störungen – was ist das eigentlich?; dia-net.com
2 Verhaltenssüchte nach ICD-11: Was verbirgt sich hinter Internetnutzungsstörungen?; psylife.de
3 Internetsucht bei Erwachsenen: Der will doch nur spielen!; deutschlandfunkkultur.de
4 Addictive behaviours: Gaming disorder; who.int
5 Gesund leben: Online-Sucht; gesund.bund.de
6 Memorandum Internetbezogene Störungen der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht); dg-sucht.de

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